Die Kunst, eine Detektivgeschichte zu erzählen. Teil I: Ermittlungsmethoden und die Leuchtfigur des Detektivs

Ich liebe Detektivgeschichten! Ja, die klassischen „Whodunits“ (“Wer hat’s getan?“), und am innigsten diejenigen um die alten Meister Sherlock Holmes (Arthur C. Doyle), Auguste Dupin (Edgar A. Poe), Lord Peter Wimsey (Dorothy L. Sayers), Miss Marple und Hercule Poirot (Agatha Christie). Allesamt etwas altmodisch bis tief viktorianisch, aber flüssig geschrieben, voll gut gekleideter Oberschichtsangehöriger – die nicht selten ihr Fett wegkriegen, dass es eine Wonne ist – und klug ersonnener Plots, die jedem Vergleich mit modernen Stoffen standhalten. Keine langweiligen Affekttaten, wie sie sich in deutschen Vorabendkrimis breit gemacht haben („… und dann lag er plötzlich da und war tot – einfach schrecklich… das wollte ich nicht, wirklich!“), nur lang geplante Morde aus herrlich niederen Beweggründen. Und ich als Leserin – oder Fernsehzuschauerin, süchtig nach dem grandiosen David Suchet als Hercule Poirot – rate natürlich mit: Welches Motiv ist das stärkste, welches Alibi könnte falsch sein, wer hat verräterisch mit der Augenbraue gezuckt, und wer steckt mit wem unter einer Decke?

„Es sind natürlich alles nur Vermutungen, aber ich bin davon überzeugt, dass ich Recht habe“ (Hercule Poirot, ‚Der ballspielende Hund’):  Die Ermittlungsmethoden

Was die Ermittlungsmethoden angeht, lassen sich zwei programmatische Strömungen unterscheiden: Die überwiegend faktenbasierte, bei der der Detektiv beispielsweise Dinge sammelt und misst, und die überwiegend intellektuelle, bei der der Detektiv den Fall durch bloßes Nachdenken löst oder zumindest den Anspruch erhebt, dies zu können. Für erstere steht insbesondere Sherlock Holmes, die zweite kann bis zu Auguste Dupin zurückverfolgt werden (1840er Jahre) und ist untrennbar auch mit Hercule Poirot verbunden:

 „Mir ist aufgefallen, Hastings, dass Sie mich immer zu konkreten Taten anstacheln wollen, wenn wir gemeinsam an einem Fall arbeiten. Sie wollen, dass ich Fußspuren vermesse, dass ich die Asche einer Zigarette analysieren lasse… Doch Sie begreifen eines nicht: Wenn man mit geschlossenen Augen im Sessel liegt, nähert man sich der Lösung eines Problems viel leichter. Die kleinen grauen Zellen, sie und sie allein können uns durch den Nebel hindurch zur Wahrheit führen!“

Hercule Poirot, ‚Dreizehn bei Tisch’

Damit sind natürlich nur Tendenzen gemeint. Alle Detektivfiguren sammeln Fakten, und alle verdanken die Auflösung des Falls vor allem ihrer weit überdurchschnittlichen Intelligenz. Dennoch ist der Unterschied in den Herangehensweisen klar erkennbar.

Diese grundverschiedenen Ideen des aufklärenden Nachvollziehens von Wirklichkeit sind sicherlich mentalitäts- und geistesgeschichtlich erklärbar, wofür ich allerdings keine Expertin bin. Fest steht: Je nach Betrachtungsweise kann die rein intellektuelle Herangehensweise der messenden überlegen erscheinen, da sie den größeren – einen nachgerade übermenschlichen – Scharfsinn erfordert; andersherum kann die messende Herangehensweise als überlegen angesehen werden, da auch der gewitzteste Geschichtenerzähler Messergebnisse nicht in Abrede stellen kann. Und sicherlich hängt die Vorliebe einer Epoche für eine dieser beiden Herangehensweisen auch vom wissenschaftlichen Fortschritt und der damit einhergehenden Entwicklung kriminaltechnischer Methoden ab. Ein Beispiel: Als Agatha Christie 1920 ihren ersten Poirot-Roman ‚Das fehlende Glied in der Kette’ veröffentlichte, war die Daktyloskopie bereits ein polizeiliches Standardverfahren und – anders als zu Zeiten der Erfindung von Sherlock Holmes in den 1880er Jahren – nicht mehr übermäßig spannend. Andererseits bedingen erst bahnbrechende naturwissenschaftliche Entdeckungen wie die der DNA und ihre kriminalistische Verwendung (die Interessantheit von) Serien wie „CSI: Crime Scene Investigation“, ein Welterfolg, der exzessiv auf naturwissenschaftlich-technische Aspekte pocht (und dabei in gefährlicher Weise unser Bild von kriminalistischen Erkenntnismöglichkeiten verzerrt, aber das ist ein anderes Thema).

Unabhängig von der Ermittlungsmethodik ist der Detektiv die Zentralfigur der Handlung, ein Leuchtturm an Verlässlichkeit und moralischer Integrität. Mit herausragender Beobachtungsgabe, messerscharfem Verstand und atemberaubender Kombinationsfähigkeit kommt er dem Übeltäter auf die Spur. Unweigerlich. Unausweichlich. Immer. Wie tröstlich, dass er seine eindrucksvollen Aufklärungsraten gar nicht seiner Brillanz zu verdanken hat, sondern einigen relativ leicht bestimmbaren Erzähl- bzw. Präsentationstechniken, die die Ermittlung des fiktiven Detektivs grundsätzlich von Vorgängen – und Möglichkeiten – des ‚echten Lebens’ unterscheiden.

Am kommenden Montag (22.09.2014) an dieser Stelle: Die Kunst, eine Detektivgeschichte zu erzählen. Teil II: Präsentationstechniken, Spannungserzeugung und die wohltuende Geordnetheit der Welt

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