Aus gegebenem Anlass: Eine Dissertation schreiben ist wie kochen…

… für beides gilt:

Man muss sich überlegen, wem es schmecken soll.

Irgendwann ziemlich am Anfang muss die (Gar)Methode gewählt werden. Bei ihr sollte man bleiben, da es sehr schwierig und aufwändig wird, sich mittendrin umzuentscheiden und das filetierte Hühnchen wieder zusammenzusetzen, um es als gefüllten Vogel auf den Tisch zu bringen.

Wenn man einen Fehler gemacht hat, gibt es meist mehrere Möglichkeiten und Gelegenheiten, ihn auszubügeln – exakt bis zur Sekunde vor dem Servieren.

Zwischendurch fällt einem auf, dass man eine wichtige Zutat nicht besitzt. Man improvisiert.

Es ist furchtbar viel Arbeit, und man hofft, dass es sich lohnen und das Ergebnis einen selbst und die Gäste zufrieden stellen wird.

Es ist furchtbar viel Arbeit, und man wünscht sich, man hätte stattdessen den Pizzaservice gerufen. Dann erinnert man sich, dass der nur Pizza im Angebot hatte. Die hat man aber schon so oft gegessen, und die tolle kulinarische Idee, auf die die Gäste nun schon neugierig sind, wäre ungekocht geblieben.

Es ist furchtbar viel Arbeit!! Und fast immer ist das fertige Gericht dann doch – ein bisschen oder sehr, glücklicher- oder unglücklicherweise – anders als geplant.

Meist hat man zu viel gekocht, verstaut die Reste im Kühlschrank und vergisst sie dort. Oder man holt sie am nächsten Tag hervor und hat (fürs Erste) wirklich, wirklich keine Lust mehr darauf.

Wenn alles vorbei ist, ist man erleichtert. Sofort setzt das gnädige Vergessen der mühevollen bis hässlichen Aspekte ein.
Für den Rest seines Lebens erinnert man sich dann an die gemeisterte Herausforderung, das leckere (oder zumindest originelle und ambitionierte) Essen und die schönen, inspirierenden Gespräche mit den Gästen.

Meinen herzlichen Dank an alle, die mich in den vergangenen Jahren – ob vor Ort oder aus der Ferne – beim Verfassen der Dissertation und bei der Vorbereitung auf die Disputation begleitet haben!

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Rapunzel, richtiggestellt

Es war einmal ein Mann und eine Frau, die wünschten sich schon lange vergeblich ein Kind. Endlich machte sich die Frau Hoffnung, der liebe Gott werde ihren Wunsch erfüllen. Die Leute hatte in ihrem Hinterhaus ein kleines Fenster, daraus konnte man in einen prächtigen Garten sehen, der voll der schönsten Blumen und Kräuter stand; er war aber von einer hohen Mauer umgeben, und niemand wagte hineinzugehen, weil er einer Zauberin gehörte, die große Macht hatte und von aller Welt gefürchtet ward.
Eines Tags stand die Frau an diesem Fenster und sah in den Garten hinab. Da erblickte sie ein Beet, das mit den schönsten Rapunzeln bepflanzt war, und sie sahen so frisch und grün aus, dass sie lüstern ward und das größte Verlangen empfand, von den Rapunzeln zu essen. Das Verlangen nahm jeden Tag zu, und da sie wusste, dass sie keine davon bekommen konnte, so fiel sie ganz ab, sah blass und elend aus. Da erschrak der Mann und fragte: „Was fehlt dir, liebe Frau?“ – „Ach“, antwortete sie, „wenn ich keine Rapunzeln aus dem Garten hinter unserm Hause zu essen kriege, so sterbe ich.“ Der Mann, der sie lieb hatte, dachte: Eh du deine Frau sterben lässest, holst du ihr von den Rapunzeln, es mag kosten, was es will.
In der Abenddämmerung stieg er also über die Mauer in den Garten der Zauberin, stach in aller Eile eine Handvoll Rapunzeln und brachte sie seiner Frau. Sie machte sich sogleich Salat daraus und aß sie in voller Begierde auf. Sie hatten ihr aber so gut geschmeckt, dass sie den andern Tag noch dreimal soviel Lust bekam. Sollte sie Ruhe haben, so musste der Mann noch einmal in den Garten steigen. Er machte sich also in der Abenddämmerung wieder hinab. Als er aber die Mauer herabgeklettert war, erschrak er gewaltig, denn er sah die Zauberin vor sich stehen. „Wie kannst du es wagen“, sprach sie mit zornigem Blick, in meinen Garten zu steigen und wie ein Dieb mir meine Rapunzeln zu stehlen? Das soll dir schlecht bekommen!“ – „Ach“, antwortete er, „lasst Gnade für Recht ergehen, ich habe mich nur aus Not dazu entschlossen. Meine Frau hat Eure Rapunzeln aus dem Fenster erblickt und empfindet ein so großes Gelüste, dass sie sterben würde, wenn sie nicht davon zu essen bekommt.“ Da ließ die Zauberin in ihrem Zorne nach und sprach zu ihm: „Verhält es sich so, wie du sagst, so will ich dir gestatten, Rapunzeln mitzunehmen, soviel du willst; allein ich mache eine Bedingung: Du musst mir das Kind geben, das deine Frau zur Welt bringen wird. Es soll ihm gut gehen, und ich will für es sorgen wie eine Mutter.“
„Was?“ rief der Mann empört. „Auf keinen Fall! Ich gebe doch unser Kind nicht für ein paar lumpige Gartenpflanzen her!“ Prompt holte er ein paar Münzen aus seiner Tasche, zählte sie der Zauberin vor, drückte sie ihr in die Hand und sagte: „Das sollte wohl reichen, um die Rapunzeln von gestern und heute zu bezahlen. Und ansonsten geht doch bitte zur Polizei und zeigt mich wegen Diebstahls an!“ Dann drehte er sich um und ging entschlossenen Schritts von dannen, und die Zauberin ärgerte sich sehr, hatte sie doch gehofft, dank ihrer Einschüchterungstaktik leichtes Spiel zu haben.

Und die Moral von der Geschicht: Lassen wir uns nicht kleinmachen oder für dumm verkaufen, und vertrauen wir unserem Sinn für das Richtige und unserer Intuition!

In diesem Sinne alles Gute für ein gesundes, glückliches Jahr 2015 🙂

 

Märchentext übernommen von: http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-sch-6248/134

Die ‚Lange Nacht der Schreib- & Projektarbeiten‘ am 14.11.2014: Danke für die schönen Stunden, und bis zum nächsten Mal!

Nun hat mich nach der ‚Langen Nacht‘ der Alltag so schnell wieder in Beschlag genommen… Deshalb etwas spät, aber mit Liebe: ein Eindruck unserer nächtlichen Schreibzusammenkunft – mit einem Überblick über unsere Besucher, die Workshops und unser interessantes Material!

Die ersten kamen schon deutlich vor 20:00 an, weil sich die Platzzahlbegrenzung herumgesprochen hatte. Das gemütliche Foyer und die Bar, auf der wir kaum all unser Catering – Kekse, Obst, Gemüsesticks und Dip, Kaffee, Säfte, Wasser, Tee, Club Mate, … – hatten unterbringen können, sorgten für einen gelungenen Empfang.

Bald waren schon überall Plätze belegt, und um 22:00 gab Sarah Hostmann mit „Was & Wozu? Eine wissenschaftliche Arbeit planen“ auch schon den ersten Workshop. (Üblicherweise hält sie diese Workshops an der FU Berlin.)

Zum Nachschlagen hatten wir auch viel hilfreiches Material dabei, zum Beispiel:
Wissenschaftliches Schreiben_Eine Arbeit planen
Richtig Zitieren
Formulierungshilfen für wissenschaftliche Texte finden sich zuhauf im Internet – das Schreibzentrum der TU Darmstadt zum Beispiel hält ein tolles Dokument zum freien Download bereit.
Auch ein Ansichtsexemplar eines berühmten Ratgebers hatten wir dabei:
Helga Knigge-Illner: Der Weg zum Doktortitel. Strategien für die erfolgreiche Promotion. Frankfurt am Main: Campus Verlag, 2002. (Mit sehr vielen kreativen Tipps zur Überwindung von Schreibblockaden, Ängsten usw.!)

Zwischendurch trafen sich die Besucher/innen an der Bar – die sich bald als wahrer Magnet für alle Austauschwilligen herausstellte – oder suchten sich einen Extraraum, wie die kreativen Textproduzenten, darunter viele NaNoWriMo-Teilnehmer:

die Kreativen 2

An einem der Tische im Foyer hatte es sich auch Kirsten Jenne gemütlich gemacht, unsere Schreibberaterin mit Doppelqualifikation im wissenschaftlichen und kreativen Schreiben. Zur Zeit studiert sie außerdem Biografisches und Kreatives Schreiben (MA) an der Alice Salomon Hochschule. Sehr bald war sie im Besitz einer langen Liste mit den Namen beratungswilliger Besucher. (Linda Ridderbusch war leider krank geworden, sonst hätte sie uns auch mit Schreibberatung zur Seite gestanden – hoffentlich beim nächsten Mal!)
Außerdem hatten wir zahlreiche Bücher, Kopien, (Schreib)Spiele und Kreativitätsübungen mitgebracht, in denen viele interessiert stöberten.

 

Hervorragende ‚Writing Prompts‘ – unterhaltsame kleine Schreibübungen wie diese, die man bei uns wie ein Los aus einer Box ziehen konnte: Writing Prompts – gibt es übrigens als kostenfreies WordPress-Ebook.

Außerdem in unserem Koffer: Ein echter Klassiker unter den Schreibratgebern!
Sol Stein: Über das Schreiben. Frankfurt am Main: ZWEITAUSENDEINS, 2011. (Taschenbuchausgabe) Hier findet ihr ein Exzerpt des umfangreichen Buches.

Wer gut Englisch versteht und einen Roman plant, sollte unbedingt beim National Novel Writing Month (NaNoWriMo) vorbeischauen – die ‚Prep Resources‘ sind fantastisch. Hier die besten Tipps daraus zum Herunterladen: NaNoWriMo Prep Resources

Um Mitternacht begann der nächste Workshop: „Geisterstunde, Geisterrunde – ich und meine Gespenster. Schreibwerkstatt für alle, die das Fürchten verlernen wollen“ bei Mia Frimmer, preisgekrönte Hörspielautorin und –produzentin. Der Workshop wurde um eine volle Stunde überzogen, und angesichts der enthusiastischen Gesichter, die wir danach zu sehen bekamen, stellten sich keine Fragen mehr nach den Gründen. Offenbar hatte der kreative Impuls fantastisch gewirkt!


Die im Workshop entstandenen Texte von Janne Stolz dürfen wir hier sogar veröffentlichen – und einen ihrer älteren, der thematisch unheimlich (pun intended) gut zur Geisterthematik passte. Alle Rechte liegen selbstverständlich weiterhin bei der Autorin. Wer mehr von ihr lesen möchte, findet sie bei der Schreibwerkstatt.

Texte Workshop Janne StolzUngebetener Gast – Janne Stolz

Da der Fokus ab diesem Zeitpunkt eindeutig auf der eigenen Textproduktion lag, für die ab 02:00 viele Besucher noch mal die letzten Reserven aktivierten, fiel der Workshop „Richtig zitieren und Tipps zur Literaturverwaltung“ aus. Sarah und ich kümmerten uns stattdessen in Einzelberatungen um diejenigen, die noch Fragen oder Schwierigkeiten hatten. Dank der begrenzten Teilnehmerzahl war eine gute „Einzelbetreuung“ sehr gut möglich.

Schreibberatung im Foyer

Eigentlich stand ja für 04:30 das Abkühlen auf dem Programm, aber weil um diese Zeit noch einige Hartnäckige fleißig tippten, riefen wir erst um kurz vor Fünf alle zum Abschiednehmen zusammen. Die Abschlussrunde verdeutlichte noch einmal, welch unterschiedliche Menschen und Schreibprojekte in dieser Nacht zusammengekommen und wie groß die Fortschritte gewesen waren. Sehr viel wacher und fröhlicher als gedacht packten wir schließlich unsere Sachen zusammen und fuhren nach Hause.
Mein Fazit: Die ‚Lange Nacht‘ war wirklich rund geworden, die langen Abende am Computer und die andere Organisationsarbeit waren vergessen und das einzige, was ich bereute, war, dass ich nicht selbst als gewöhnliche Teilnehmerin einfach schreiben, schreiben, schreiben und workshoppen gedurft hatte…! 🙂

Natürlich gab es auch einige kritische Stimmen, zum Beispiel was die Lage des Veranstaltungsortes anging. Es stimmt, das Mehrgenerationenhaus Phoenix  im südlichen Zehlendorf liegt relativ weit draußen – dafür waren die Räumlichkeiten ideal, weil großzügig und gemütlich, und nur dort konnten wir Sonderkonditionen in Anspruch nehmen, so dass der Unkostenbeitrag pro Person niedrig blieb (vergleichbare Räume in Zentralberlin würden keinesfalls unter 1.500€ Miete kosten). Wir freuen uns übrigens sehr über Empfehlungen vergleichbarer Räumlichkeiten im Zentrum für unter 250€!

Uns als Organisatorinnen, Workshopleiterinnen und Beraterinnen hat die ‚Lange Nacht der Schreib- & Projektarbeiten‘ sehr viel Freude gemacht, und das tolle Feedback hat uns sehr ermutigt. Beim nächsten Mal – über das wir gerade brainstormen – sind natürlich alle Schreibenden und Projektarbeitenden wieder herzlich willkommen. Wir halten euch auf dem Laufenden!

Inspiration, Herzklopfen, Fortschritt, Erfolg. Bei uns, am 14.11., für 15€!

In den vergangenen Jahren habe ich in Instituten, für Bildungsträger und auf Konferenzen viele Seminare, Workshops, Vorträge und Präsentationen gehalten, habe mit Menschen zwischen 14 und 64 gearbeitet, diskutiert und gelernt, habe gefühlte zweitausend neue Methoden, Übungen, Spiele und Arrangements ausprobiert (und nicht selten selbst erfunden und gestaltet) und dabei festgestellt, dass…

… mein Herz für eher ungewöhnliche Arbeitsformate schlägt.

Also nicht unbedingt für den traditionellen Seminartag im traditionellen Seminarraum.

Sondern für das freiwillige, begeisterungsgetriebene Zusammentreffen, die selbstbestimmte Balance zwischen individuellen Arbeitsphasen und Austausch, die gemeinsame Konzentration, das flexibel nutzbare Arrangement, die diskussionsfreudige Pause im Seminarhaus-Garten, den gleichzeitigen Griff in die Keksdose, bei dem man einen interessanten Gesprächspartner kennenlernt. Für den magischen Sog, der entsteht, wenn motivierte, intelligente Menschen ihre Projekte in einen gemeinsamen Raum bringen – nicht unbedingt um sie zu verbinden, sondern um individuell zu arbeiten, sich gegenseitig zu unterstützen, zu ermutigen und zu inspirieren.

Und deshalb habe ich kurzerhand einen Rahmen dafür geschaffen: Die

‚Lange Nacht der Schreib- & Projektarbeiten’

am Freitag, den 14. November 2014
Zeit: 20-05 Uhr (!)
Ort: Mehrgenerationenhaus Phoenix des Mittelhof e.V.
Teltower Damm 228, 14167 Berlin

… und alle, die ein (Schreib-)Projekt voranbringen und sich eine Nacht lang in schöner, entspannter Atmosphäre konzentrieren möchten, sind herzlich eingeladen!

Natürlich bekommt jeder einen eigenen Arbeitsplatz (mit Stromversorgung), und die Teilnahme an den Workshops und Beratungsangeboten ist optional – wer möchte, kann auch einfach nur in Ruhe schreiben. Auch kommen und gehen kann jeder, wann er möchte.

Hier gibt es weitere Infos und das Programm zum Download: Einladung und Programm, eine Seite

Weil es sich um ein nicht-kommerzielles Event handelt, beträgt die Kostenbeteiligung – für Räume, Kekse, Kaffee, Infomaterial etc. – nur 15€. Die Anmeldung ist ab sofort möglich unter langenacht-inberlin(at)web.de.

Mehr Informationen gibt es auch auf unserer Facebook-Seite: Die Lange Nacht der Schreib- & Projektarbeiten auf Facebook

Ich verspreche tolle Workshops (bei meinen ideenreichen, supernetten Kolleginnen), kreative Impulse, kluge, interessierte Mit-Schreibende und die Rückkehr des Herzklopfens, mit dem ihr euer Projekt begonnen habt. Wir freuen uns auf euch!

Einladung und Programm, eine Seite

Die Kunst, eine Detektivgeschichte zu erzählen. Teil II: Präsentationstechniken, Spannungserzeugung und die wohltuende Geordnetheit der Welt

Und nun zu einigen der – für Bücher und Filme gleichermaßen gültigen – Tricks, durch die das Geschehen so spannend wird und der Detektiv so eindrucksvoll hellsichtig erscheint.

1. Unsere Aufmerksamkeit wird in jeder Sekunde gelenkt – auch wenn uns das nicht bewusst ist. In einer Poirot-Verfilmung – ich glaube, es ist ‚Die Katze im Taubenschlag’ – öffnet Poirot eine Schublade mit einer Menge lose darin liegender Fotos, zum größten Teil Familienbilder. Nach wenigen Sekunden wird ausgerechnet eines von der Kamera erfasst, und wir sehen seinen nachdenklichen Blick. Offenbar besitzt dieses Bild eine besondere Bedeutung, wie wir als Zuschauer nun wissen. Wie aber sollte der Detektiv im echten Leben das eine signifikante Foto erkennen? Ließe sich nicht für jedes einzelne eine Hintergrundgeschichte konstruieren, die mit dem Geschehen zusammenhängt?

In ‚Das Geheimnis der Goldmine’ untersucht Miss Marple das Zimmer des ermordeten Hausmädchens Gladys und findet dort ein paar Zeitungsausschnitte. Wieder erfasst die Kamera einen bestimmten, und viel später stellt sich heraus, dass dieser für Miss Marple der entscheidende Hinweis für die Aufklärung des Falls darstellt. Stellen wir uns doch einmal vor, was man so alles in einem solchen Zimmer finden kann: Eine Haarspange, die hinter das Bett gefallen ist; eine Macke in der Schranktür; ein einzelner Spitzenstrumpf in der Kommode; ein Handabdruck auf dem Fenster… Ließe sich nicht zu jedem dieser Funde eine Hintergrundgeschichte konstruieren, die einen wichtigen Hinweis auf den Hintergrund des Geschehenen gibt? Aber unsere Aufmerksamkeit – und die der Detektivfigur, wenn man so will – ist eben exakt auf einen dieser Wirklichkeitsausschnitte gelenkt worden, und dies lenkt alle weiteren Gedankengänge (in die richtige Richtung). Hier färbt sozusagen die Allwissenheit des Autors ab. Diesen Gefallen tut einem das ‚echte Leben’ natürlich nicht.

Ein Beispiel für Aufmerksamkeitslenkung aus einem Buch: In ‚Dreizehn bei Tisch’ verliest Poirot die Liste der Frauen, die mit dem Mord in Verbindung stehen. [ACHTUNG SPOILER] „Außer Jane Wilkinson selbst waren es drei weitere: Geraldine Marsh, Miss Carol und Miss Driver…“ Aha, denkt der Leser, diese drei könnten es gewesen sein! Doch weit gefehlt – die geschickte Formulierung hat Jane Wilkinson selbst von der Liste genommen, und doch ist sie die Mörderin.

2. Alles, was wir sehen, hat eine Erklärung. Es gibt keine Zufälle und nichts, das uneingeordnet bleibt. Der Zahn, den Poirot in ‚Der Tod wartet’ (empfehlenswert vor allem wegen der außergewöhnlich schönen Filmmusik) in einer Kiste findet, wird erklärt, obwohl er nichts mit dem Mord zu tun hat. Ein Häufchen Asche wird nicht erwähnt, ohne dass seine Herkunft in der umfassenden abschließenden Erklärung durch den Detektiv erläutert wird (‚Das fehlende Glied in der Kette‘). Jeder einzelne gezeigte Wirklichkeitsausschnitt findet seinen Platz im großen Ganzen.

3. Es gibt immer exakt eine richtige Erklärung, die alle gezeigten Wirklichkeitsausschnitte auf eine spezielle Weise verbindet. Sämtliche Alternativen schließt der Detektiv aus – angeblich weil die Indizien oder Beweise gegen sie sprechen, tatsächlich aber im Zuge eines grandiosen Narrativs, mit dem die Detektivfigur (nicht zuletzt qua Autorität) die anderen Narrative zum Schweigen bringt. Was für eine Riesenerleichterung wäre es, wenn das im ‚echten Leben’ möglich und sinnvoll wäre!

„This suspense is terrible. I hope it will last“ (Oscar Wilde): Spannungserzeugung

Ebenfalls wichtig ist eine bestimmte Reihenfolge der Auflösung. Nach der Falldarstellung muss die Detektivfigur zunächst Informationen sammeln. Die Leser begleiten sie dabei; ihnen werden im Rahmen der Erzählung dieselben Informationen zugänglich gemacht. Außerdem muss die Detektivfigur die Zusammenhänge der einzelnen Informationen erkennen – welches große Ganze die verschiedenen Wirklichkeitsausschnitte verbindet. Diese Erkenntnisse bleiben den Lesern verborgen: Die Detektivfigur deutet sie zwar an (mit einem kritischen Blick, einem wissenden Lächeln und vor allem mit Kommentaren wie „Noch weiß ich nicht genug“ oder „Jetzt muss ich einige Telegramme verschicken“), expliziert sie aber nicht. Erst in der dramatischen Auflösung zum Schluss werden die Zusammenhänge aufgedeckt. Es handelt sich also um eine Strategie der doppelten Verschleierung: Der Autor verschleiert sowohl die Zusammenhänge der gegebenen Informationen als auch den Erkenntnisprozess der Detektivfigur. Dass beides dennoch ständig angedeutet wird, macht einen guten Teil der Spannung aus.

Diese kontrollierte Spannung, deren kunstvolle Inszenierung deutlich nachvollziehbar ist, die berechenbare Dauer der Ungewissheit, die Garantie, dass die wohltuende Vorgeordnetheit aller Dinge ans Licht kommen und die Welt – durch Bestrafung der Schuldigen, aber auch durch die Zusammenführung des heimlichen verliebten Paares und andere Richtigstellungen – letztendlich wieder gerade gerückt werden wird: All das macht die traditionelle Detektivgeschichte zu einer hervorragenden Illusion von Komplexitätsbewältigung. In einer unüberschaubaren, unberechenbaren, niemals vollständig erfass- oder auch nur vorstellbaren Welt haben wir diese Illusion wahrscheinlich bitter nötig.

Die Kunst, eine Detektivgeschichte zu erzählen. Teil I: Ermittlungsmethoden und die Leuchtfigur des Detektivs

Ich liebe Detektivgeschichten! Ja, die klassischen „Whodunits“ (“Wer hat’s getan?“), und am innigsten diejenigen um die alten Meister Sherlock Holmes (Arthur C. Doyle), Auguste Dupin (Edgar A. Poe), Lord Peter Wimsey (Dorothy L. Sayers), Miss Marple und Hercule Poirot (Agatha Christie). Allesamt etwas altmodisch bis tief viktorianisch, aber flüssig geschrieben, voll gut gekleideter Oberschichtsangehöriger – die nicht selten ihr Fett wegkriegen, dass es eine Wonne ist – und klug ersonnener Plots, die jedem Vergleich mit modernen Stoffen standhalten. Keine langweiligen Affekttaten, wie sie sich in deutschen Vorabendkrimis breit gemacht haben („… und dann lag er plötzlich da und war tot – einfach schrecklich… das wollte ich nicht, wirklich!“), nur lang geplante Morde aus herrlich niederen Beweggründen. Und ich als Leserin – oder Fernsehzuschauerin, süchtig nach dem grandiosen David Suchet als Hercule Poirot – rate natürlich mit: Welches Motiv ist das stärkste, welches Alibi könnte falsch sein, wer hat verräterisch mit der Augenbraue gezuckt, und wer steckt mit wem unter einer Decke?

„Es sind natürlich alles nur Vermutungen, aber ich bin davon überzeugt, dass ich Recht habe“ (Hercule Poirot, ‚Der ballspielende Hund’):  Die Ermittlungsmethoden

Was die Ermittlungsmethoden angeht, lassen sich zwei programmatische Strömungen unterscheiden: Die überwiegend faktenbasierte, bei der der Detektiv beispielsweise Dinge sammelt und misst, und die überwiegend intellektuelle, bei der der Detektiv den Fall durch bloßes Nachdenken löst oder zumindest den Anspruch erhebt, dies zu können. Für erstere steht insbesondere Sherlock Holmes, die zweite kann bis zu Auguste Dupin zurückverfolgt werden (1840er Jahre) und ist untrennbar auch mit Hercule Poirot verbunden:

 „Mir ist aufgefallen, Hastings, dass Sie mich immer zu konkreten Taten anstacheln wollen, wenn wir gemeinsam an einem Fall arbeiten. Sie wollen, dass ich Fußspuren vermesse, dass ich die Asche einer Zigarette analysieren lasse… Doch Sie begreifen eines nicht: Wenn man mit geschlossenen Augen im Sessel liegt, nähert man sich der Lösung eines Problems viel leichter. Die kleinen grauen Zellen, sie und sie allein können uns durch den Nebel hindurch zur Wahrheit führen!“

Hercule Poirot, ‚Dreizehn bei Tisch’

Damit sind natürlich nur Tendenzen gemeint. Alle Detektivfiguren sammeln Fakten, und alle verdanken die Auflösung des Falls vor allem ihrer weit überdurchschnittlichen Intelligenz. Dennoch ist der Unterschied in den Herangehensweisen klar erkennbar.

Diese grundverschiedenen Ideen des aufklärenden Nachvollziehens von Wirklichkeit sind sicherlich mentalitäts- und geistesgeschichtlich erklärbar, wofür ich allerdings keine Expertin bin. Fest steht: Je nach Betrachtungsweise kann die rein intellektuelle Herangehensweise der messenden überlegen erscheinen, da sie den größeren – einen nachgerade übermenschlichen – Scharfsinn erfordert; andersherum kann die messende Herangehensweise als überlegen angesehen werden, da auch der gewitzteste Geschichtenerzähler Messergebnisse nicht in Abrede stellen kann. Und sicherlich hängt die Vorliebe einer Epoche für eine dieser beiden Herangehensweisen auch vom wissenschaftlichen Fortschritt und der damit einhergehenden Entwicklung kriminaltechnischer Methoden ab. Ein Beispiel: Als Agatha Christie 1920 ihren ersten Poirot-Roman ‚Das fehlende Glied in der Kette’ veröffentlichte, war die Daktyloskopie bereits ein polizeiliches Standardverfahren und – anders als zu Zeiten der Erfindung von Sherlock Holmes in den 1880er Jahren – nicht mehr übermäßig spannend. Andererseits bedingen erst bahnbrechende naturwissenschaftliche Entdeckungen wie die der DNA und ihre kriminalistische Verwendung (die Interessantheit von) Serien wie „CSI: Crime Scene Investigation“, ein Welterfolg, der exzessiv auf naturwissenschaftlich-technische Aspekte pocht (und dabei in gefährlicher Weise unser Bild von kriminalistischen Erkenntnismöglichkeiten verzerrt, aber das ist ein anderes Thema).

Unabhängig von der Ermittlungsmethodik ist der Detektiv die Zentralfigur der Handlung, ein Leuchtturm an Verlässlichkeit und moralischer Integrität. Mit herausragender Beobachtungsgabe, messerscharfem Verstand und atemberaubender Kombinationsfähigkeit kommt er dem Übeltäter auf die Spur. Unweigerlich. Unausweichlich. Immer. Wie tröstlich, dass er seine eindrucksvollen Aufklärungsraten gar nicht seiner Brillanz zu verdanken hat, sondern einigen relativ leicht bestimmbaren Erzähl- bzw. Präsentationstechniken, die die Ermittlung des fiktiven Detektivs grundsätzlich von Vorgängen – und Möglichkeiten – des ‚echten Lebens’ unterscheiden.

Am kommenden Montag (22.09.2014) an dieser Stelle: Die Kunst, eine Detektivgeschichte zu erzählen. Teil II: Präsentationstechniken, Spannungserzeugung und die wohltuende Geordnetheit der Welt