Weniger ist mehr. 1000 Jahre freiwilliger Verzicht

Nun habe ich anderthalb Wochen lang auf Koh Phayam gelebt, reduziert auf das Allernoetigste: einen Schlafplatz, eine Waschmoeglichkeit, zwei Mahlzeiten am Tag, etwas Kleidung, ein gutes Buch.
Mit dieser mehr oder weniger radikalen Einschraenkung liege ich durchaus im Trend. Obwohl der Stein des Anstosses in meinem Fall weniger die modernen Tendenzen des ‚extreme minimalism‘ waren als Umberto Ecos ‚Der Name der Rose‘, also eigentlich ein kirchenhistorischer. Das sollte ich vermutlich erklaeren.

Franz von Assisi – eine alte Geschichte, eine zeitlose Idee

Eco erzaehlt bekanntlich die ungeheuer spannende Geschichte einer Mordserie in einer Abtei im Jahr 1327. Er beschreibt jedoch auch – und das habe ich notabene nicht in geschichtswissenschaftlicher Literatur nachgeprueft – die urspruengliche Absicht Franz von Assisis, einen Orden fuer diejenigen Glaeubigen zu gruenden, die statt eines bequemen Lebens in reichen Abteien religioese Hingabe in absoluter materieller Armut suchten. Diese Idee – nennen wir sie nicht ‚Armut‘, ein Begriff, der unfreiwillige Besitzlosigkeit bis hin zur materiellen und existenziellen Not bezeichnet; nennen wir diese freiwillige Einschraenkung ‚Reduktion‘ – erfaehrt gegenwaertig eine bemerkenswerte Aktualisierung, die mit Religion sehr wenig und mit kirchlichen Institutionen rein gar nichts zu tun hat: Unter Menschen wie beispielsweise Mark Manson, Niall Doherty oder Colin Wright, die alles verschenken oder verkaufen, bis ihr Eigentum in einen kleinen Koffer passt oder eine bestimmte Maximalzahl an Gegenstaenden (z. B. 100) erreicht ist, jede Socke und die Zahnbuerste eingerechnet. Wie gesagt, „extreme minimalism“.

Ich wuesste gern, warum es sich offenbar ueberwiegend um Maenner handelt, die diesen Lebensstil praktizieren. Dass viele von ihnen internetbasierte oder kuenstlerische Berufe haben und der gebildeten weissen Mittelschicht entspringen, dass ihre Verzichtsentscheidung also eine echte frei getroffene Entscheidung ist, wundert mich hingegen nicht – genauso wenig wie dass ihr Verzicht gelegentlich mit medial wirksamer Selbstinszenierung einhergeht. Natuerlich laesst es sich leichter ueber den spirituellen Wert von Reduktion nachdenken, wenn der Geist per humanistischer Bildung an klugen Fragen zu spirituellen Werten geschult ist. Natuerlich erscheint freiwilliger Verzicht attraktiver, wenn unfreiwilliger Verzicht bislang kein Teil der eigenen Biographie war. Natuerlich liegt es fuer die internetaffine juengere Generation nahe, eine so sorgfaeltig bedachte und begruendete Entscheidung auch selbstinszenatorisch auszubeuten. (Allerdings moechte ich nicht die vielen Menschen unterschlagen, die radikale Verzichtsentscheidungen treffen und sich nicht staerker selbst mit dem Licht der Ehre bescheinen als ich mit diesem Blog.)

Die Schwierigkeit, nicht am Ast zu saegen, auf dem man sitzt

Und waehrend ich noch mit solchen Ueberlegungen befasst bin, waehlt Jorge Mario Bergoglio zur Ausuebung seiner Rolle als neuer Papst den Namen Franziskus I.,  in Anlehnung an einen der ersten politisch bedeutsamen Geringschaetzer weltlichen Eigentums. Nicht umsonst der I. – in den vergangenen 1000 Jahren haben die Paepste ein eher distanziertes Verhaeltnis zu diesem Vorbild gepflegt… Reduktionsfreunde und Anhaenger des neuen Minimalismus duerften sich durch dieses Signal jedenfalls bestaetigt fuehlen, wenn auch die Kirchen selbst kaum ernsthafte Reduktionsvorhaben an den Tag legen werden. Eco begruendet das so: Eine neue Stroemung, die vom Establishment anerkannt und integriert werden will, muss sich so anpassen, dass die etablierten Kraefte zur Anerkennung des Neuen bereit sind. Damit verliert sie aber notwendigerweise ihr Profil. So ist ihr wachsender Einfluss und Integrationserfolg paradoxerweise gerade an eine Schwaechung ihres urspruenglichen Erneuerungswillens geknuepft. (Kritische Stimmen meinen, die gegenwaertigen Entwicklungen in der Partei ‚Die Linke‘ seien ein Beispiel dafuer.) Das ist ein prinzipielles Paradox im Umgang mit Institutionen, und wenn ich mir die gar nicht so bescheiden-zurueckhaltenden, sondern sehr geschaeftstuechtigen Vertreter des institutionalisierten Buddhismus hier in Suedostasien ansehe, denke ich, dass so grosse Institutionen vermutlich schon im Interesse ihrer eigenen Aufrechterhaltung (und Expansion!) an keine Reduktion denken koennen und wollen.

Ist der Plan Franz von Assisis grundsaetzlich unmoeglich gewesen? Kann eine materielle Reduktion wie die oben beschriebene nur eine individuelle sein? Und haben nicht diejenigen recht, die zu bedenken geben, dass gerade eine solche Reduktion ohne eigene Produktion – beispielsweise von Lebensmitteln im eigenen Garten – eben gerade auf die konsumbetonte Wegwerfgesellschaft angewiesen ist? Als persoenliches Lebensgestaltungsprojekt erfreut sie sich jedenfalls wachsender Beliebtheit.

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Reisenotizen 1: Koh Phayam

Koh Phayam! Die Perle der Andamanenküste, mit breiten Stränden, flachem badewannentemperierten Meer, und, vor allem: echtem Dschungel. Kürzlich habe ich mich – trotz des Kopfschüttelns der Einheimischen – auf einem kaum erkennbaren Fußweg, der hinter einer der Bungalowanlagen begann, mitten hineinbegeben.

Ich war überwältigt. Nach kaum 100 Metern steigen Hitze und Luftfeuchtigkeit ins kaum noch Erträgliche, und die Moskitos wissen sich kaum zu halten angesichts des unerwarteten Festmahls. Aus dem Unterholz dringen Geräusche wie von großen Tieren. Und diese Düfte! Überhaupt wehen den Besucher auf dieser Insel alle paar Meter neue Düfte an, vor allem von den gerade verblühten Cashewbäumen – ein florales, überaus exquisites, nachgerade berauschendes Bouquet.

Koh Phayam, jungle

Koh Phayam, beach

Koh Phayam, beach

Weil ich keinen Wert auf Luxus, ja nicht einmal auf westlichen Komfort lege und statt dessen (in vermutlich durchaus romantisierender Art) vom Wunsch beseelt bin, mein Leben wenigstens für die Dauer dieser Reise zu reduzieren, Verzicht zu üben, alles nicht unbedingt Notwendige aufzugeben, wohne ich in einem der schlichtesten Bungalows der Insel: Einem Bambusverschlag von kaum 5qm Größe, in dem sich genau eine Matratze, ein Moskitonetz und ein Spiegel befinden; hinter der Durchgangstür das „Bad“: kein Dach, wieder nur einige Bretter, eine Toilette ohne Spülung, ein Gartenschlauch als Dusche. All die lückenhaft zusammengenagelten Bambusstreifen dienen höchstens als Sichtschutz, auf Privatsphäre verzichtet man nolens volens gleich mit, selbst das leiseste Lachen oder Husten aus dem nächsten Bungalow ist kristallklar zu hören. Dafuer fällt durch die vielen Lücken und Schlitze morgens sehr dekorativ das Tageslicht herein.

Koh Phayam, my bungalow

Weil es also eigentlich kein „Drinnen“ und „Draußen“ gibt und die beschriebene fragile, menschengemachte Einteilung des Natur ohnehin egal ist, kommt es immer wieder zu überraschenden Zusammentreffen mit Tieren. Dem riesigen roten Käfer auf meinem Zeh und dem kleinen Gecko, der kürzlich hineinlugte, begegnete ich noch mit dem großzügigen Verständnis der Städterin, die beschlossen hat, sich selbst nur als Gast der urwüchsigen Natur zu sehen. Als mir in meinem „Bad“ im Stockdunkeln – ich tastete gerade nach meinem Handtuch – jedoch eine Kröte von stattlicher Größe auf den Fuß stieg, entfuhr mir doch ein kurzer Fluch. Sie sprang gleich weiter und verschwand unter den Holzstufen; ich starrte ihr erschrocken nach, denn was macht eine Kröte in meinem Bad? Die Kröte starrte über die Schulter wütend zurück, denn was macht ein Mensch in ihrem Wohnzimmer? Wir sind immer noch Freunde, aber ihr Verhältnis zu mir scheint seitdem etwas, nun ja, angespannt.

Koh Phayam, large toad

Die Insel ist so einfach, dass es nur am frühen Abend Strom gibt und man ansonsten auf Kerzen und Taschenlampen zurückgreifen muss. Mein Smartphone hat überhaupt keinen Empfang – ich kann weder telefonieren noch ins Internet. Dafür gibt es Beach Parties, nette Leute und entspannte Musikjams. Fuer Erholungsuchende also genau das Richtige.

Koh Phayam, beach

Koh Phayam, beach at sunset

Koh Phayam, beach at sunset