Aus gegebenem Anlass: Eine Dissertation schreiben ist wie kochen…

… für beides gilt:

Man muss sich überlegen, wem es schmecken soll.

Irgendwann ziemlich am Anfang muss die (Gar)Methode gewählt werden. Bei ihr sollte man bleiben, da es sehr schwierig und aufwändig wird, sich mittendrin umzuentscheiden und das filetierte Hühnchen wieder zusammenzusetzen, um es als gefüllten Vogel auf den Tisch zu bringen.

Wenn man einen Fehler gemacht hat, gibt es meist mehrere Möglichkeiten und Gelegenheiten, ihn auszubügeln – exakt bis zur Sekunde vor dem Servieren.

Zwischendurch fällt einem auf, dass man eine wichtige Zutat nicht besitzt. Man improvisiert.

Es ist furchtbar viel Arbeit, und man hofft, dass es sich lohnen und das Ergebnis einen selbst und die Gäste zufrieden stellen wird.

Es ist furchtbar viel Arbeit, und man wünscht sich, man hätte stattdessen den Pizzaservice gerufen. Dann erinnert man sich, dass der nur Pizza im Angebot hatte. Die hat man aber schon so oft gegessen, und die tolle kulinarische Idee, auf die die Gäste nun schon neugierig sind, wäre ungekocht geblieben.

Es ist furchtbar viel Arbeit!! Und fast immer ist das fertige Gericht dann doch – ein bisschen oder sehr, glücklicher- oder unglücklicherweise – anders als geplant.

Meist hat man zu viel gekocht, verstaut die Reste im Kühlschrank und vergisst sie dort. Oder man holt sie am nächsten Tag hervor und hat (fürs Erste) wirklich, wirklich keine Lust mehr darauf.

Wenn alles vorbei ist, ist man erleichtert. Sofort setzt das gnädige Vergessen der mühevollen bis hässlichen Aspekte ein.
Für den Rest seines Lebens erinnert man sich dann an die gemeisterte Herausforderung, das leckere (oder zumindest originelle und ambitionierte) Essen und die schönen, inspirierenden Gespräche mit den Gästen.

Meinen herzlichen Dank an alle, die mich in den vergangenen Jahren – ob vor Ort oder aus der Ferne – beim Verfassen der Dissertation und bei der Vorbereitung auf die Disputation begleitet haben!

Vietnamesischer Kaffee, oder ‚Discover. Explore. Expand. Say yes‘

Vietnamesischer Kaffee, oder ‚Discover. Explore. Expand. Say yes‘

Schon seit Jahren esse ich gern in den vietnamesischen Garküchen Berlins. Es stimmt schon, die – auch in asiatischen Ländern leider weit verbreitete – aggressive Beleuchtung und die bescheidene Möblierung lassen meist keine gemütliche Stimmung aufkommen. Das machen die hübsch dekorierten, fantastisch abgeschmeckten, binnen 90 Sekunden servierten Tellergerichte (danke, Currykanone!) aber wieder wett.

Trung Nguyen, und dann nie wieder etwas anderes

Letztens fragte ich mich, wie es dazu kommen konnte, dass ich schon so lange regelmäßig diese Garküchen besuche, ohne jemals den vietnamesischen Kaffee probiert zu haben, der auf allen Speisekarten für 2 oder 3 Euro zu finden ist.
Dann musste ich aber doch nach Vietnam reisen, um diese vollendet schokoladige Spezialität kennenzulernen, samt dem wunderhübschen kleinen Aufguss-Equipment für die einzelne Tasse. Will heißen, die vietnamesische Kaffee-Zeremonie ist nicht nur eine Freude für den Gaumen, sondern auch für die Augen.

Wieder zurück in Berlin habe ich mich umgesehen und in dem riesigen asiatischen Supermarkt in meiner Straße – der so konsequent asiatisch ist, dass sich die Deutschkenntnisse der Verkäuferinnen auf die Zahlen beschränken, um den Kunden an der Kasse die geschuldete Summe mitzuteilen – tatsächlich „Trung Ngyuen No. 1“ gefunden, von dem ich nun regelmäßig ein Tütchen kaufe. Und verschenke. Weil vietnamesischer Kaffee dank seiner magischen Röstung eine echte aromatische Offenbarung ist, der unscheinbar aussehende Schrank mit dem geheimen Tor ins flirrende Narnia der Koffeinliebhaber.

Öfter mal „Ja, warum nicht!“ sagen!

Bleibt also die Frage, warum ich es nicht schon vor Jahren auf einen Schluck habe ankommen lassen. Was hätte es mich gekostet? 2,80€ und die Bereitschaft, ein kleines Risiko einzugehen. Was wäre schlimmstenfalls passiert? Dass ich ihn nicht gemocht und stehen gelassen hätte. Eine Investition von 2,80€ und zwei Minuten! Jetzt erinnert mich meine morgendliche Tasse Kaffee daran, dass es sich lohnt, merkwürdig klingenden Posten – nicht nur – auf Speisekarten eine Chance zu geben, mit anderen Worten, dass einer der direktesten Wege zu mehr Lebensqualität über Neugier, Unbefangenheit, den Mut zum (überschaubaren) Risiko und die Bereitschaft für Neues führt. Und dass die Möglichkeit, etwas Neues auszuprobieren – und eine unerwartete, aber höchst willkommene Bereicherung zu entdecken – immer schon an der nächsten Ecke auf uns wartet.

Reisenotizen 3: Vietnam

Kurz habe ich den Titel „Das Kronjuwel Südostasiens: Vietnam“ erwogen. Ja, so schön ist es hier! Die Landschaft zum Beispiel – Reisfelder, Berge, das Meer. Die Städte – Hanoi (dreckig, aber herzzerreißend charmant), Hoi An (romantisch, bildhübsch, hervorragend gepflegt), Ho Chi Minh City (eine echte Metropole mit wunderschönen Parks und rund 5 Millionen Motorrädern). Dann das Essen! Um ehrlich zu sein, mit Pho, Bun Bo Hue und den anderen Reisnudeln-plus-Fleisch-in-klarer-Brühe-Gerichten kann ich mich nicht so recht anfreunden – auch nach rund 10 Versuchen finde ich sie langweilig. Dafür gibt es Spring Rolls in allen Variationen – in Reispapier, frittiert, verschieden gefüllt – und Fried Rice Pancakes. Außerdem: Sweet Soup!  Ebenfalls nicht genug bekommen kann ich von den frittierten gefüllten Teigwaren, den Baguette-Sandwiches und den Torten.

Ein Sweet Soup Restaurant. So misstrauenerregend die Zutaten auch aussehen, das Ergebnis ist meist köstlich.

Ein Sweet Soup Restaurant. So misstrauenerregend die Zutaten auch aussehen, das Ergebnis ist meist köstlich.

Bei den Touristen weniger bekannt sind die Easy Rider, Motorradfahrer, die private Tages- und Mehrtagestouren anbieten. Das ist nicht ganz billig – dafür ist ein guter Easy Rider Chauffeur, Reiseführer, Vermittler, Sprachlehrer und noch vieles mehr. Der bequeme Rücksitz, ein Helm, ein Regenponcho, Hotel und Verpflegung ist in der Tagespauschale meist gleich mit enthalten. Und es stimmt: Wer Vietnam nicht von einem Motorrad aus gesehen hat, hat es überhaupt nicht gesehen. Auch ich hätte nie die Central Highlands gesehen wie mit ‚Uncle 9‘, und ich hätte definitiv nie in ein Pfefferkorn direkt vom Busch oder in weiche, ungetrocknete Zimtrinde gebissen.

Allerdings gibt es auch einiges, das mir gehörig auf die Nerven geht. Beispielsweise der Verkehr in der Großstadt. Ho Chi Minh City hat rund 9,5 Millionen Einwohner und ungefähr halb so viele Motorräder. Das liegt daran, dass die KfZ-Steuer so unfassbar hoch ist, dass die meisten Menschen hier sich kein Auto leisten können – was nicht heißt, dass es keine gibt. Das Ärgerliche am Verkehr ist, dass die international gültigen Verkehrsregeln hier zwar bekannt sind, aber ignoriert werden zugunsten eines radikalen Faustrechts. Im Klartext: Ampellichter sind nur ein Vorschlag, Hupen bedeutet „Mein Fahrzeug ist größer, also habe ich Vorrang“ und das einzig universell gültige Prinzip ist, dass derjenige Verkehrsteilnehmer, der im Fall eines Zusammenstoßes den größeren Schaden davontragen würde, ausweichen oder warten muss. Natürlich führt das dazu, dass Fußgänger oft minutenlang keine Chance haben, auch nur die kleinste Straße zu überqueren, und selbst in ihren eigenen Grünphasen von Motorradfahrern hupend fast umgefahren werden. Eine Mitreisende sagte letztens halb bewundernd, dass es in Vietnam kaum ‚road rage‘ gebe, also Aggression im Straßenverkehr, und tatsächlich ist auch mir das aufgefallen: Beschimpfungen, Streitereien, Mittelfinger etc. kommen nie vor. Allerdings ist das gerade eine notwendige Folge der ständigen Regelmissachtungen – wenn jeder sich irgendwie intuitiv durchwurstelt, dabei auf die offiziellen Regeln verzichtet und das auch von allen anderen erwartet, kann und muss niemand über das regelwidrige Durchwursteln anderer ärgerlich werden.

Ein anderer Aspekt, der mich in einigen Orten Vietnams enorm stört, ist das ungebremst hartnäckige, stark manipulative Verkäuferverhalten. Üblicherweise wird man als Tourist vom Verkäufer auf der Straße aufgehalten, begrüßt und – erwidert man die Begrüßung – gefragt „Where are you from?“. Offenbar herrscht der Glaube, dass diese Frage in günstiger Weise beziehungsstiftend und damit verkaufsförderlich wirkt. Dem gesprächssensiblen Touristen fällt spätestens beim dritten Mal jedoch auf, dass die Antwort auf diese Frage keine Konsequenz für den weiteren Gesprächsverlauf hat, und damit wirkt das Interesse heuchlerisch.

Als nächstes fällt auf, dass die Verkäufer üblicherweise das Gespräch allein bestreiten. Argumente, Anpreisungen der Ware in Wort und Tat (durch Zeigen und Vorführen), Schlechtmachen der Konkurrenz, Suggestivfragen: Auf all das muss der potenzielle Käufer höchstens reagieren, und auch dafür bleibt ihm nicht viel Raum – er wird schlicht an die Wand geredet. So lassen sich ausführliche und/oder kritische Nachfragen hervorragend vermeiden.

In Schlüsselsituationen tut der Verkäufer so, als sei der Handel bereits abgemacht. Unvergessen die Schneiderin, die mir erst den Ausgangspreis nannte, dann einen niedrigeren Preis und dann sofort schwungvoll und mit dem Maßband in der Hand aufstand, um mich abzumessen. Die Unterbrechung eines solchen Handlungsflusses erfordert auf seiten des potenziellen Kunden natürlich ein großes Maß an Entschlossenheit und Souveränität. Ein anderer beliebter Schachzug ist es, sich selbst und seine Waren über den grünen Klee zu loben („beste Qualität, hochwertige Verarbeitung, ich habe einen exzellenten Ruf, fühlen Sie mal, das ist das edelste Material…“) – so muss der Kunde nur noch die ohnehin präferierte, harmonieerzeugende Antwort „ja, stimmt“ geben. Auch in diesem Fall wird das Widersprechen erschwert, und zack, hat sich der Kunde mit dem eigenen Gesprächsverhalten schon gefährlich nah an den fälligen Handschlag manövriert. Skepsis oder Bedenken zu äußern, überhaupt das eigene (langsamere) Tempo beizubehalten fällt angesichts dieser Verkäuferstrategien zunehmend schwer.
Mehrmals antworte ich auf diese Taktik mit einem freundlichen Lächeln und lasse mich in die Interaktion hineinziehen, bevor ich mich mit dem nächsten freundlichen Lächeln entferne. Ich finde, ich habe mit meiner Freundlichkeit, meinem Stehenbleiben und Warebefühlen kein Versprechen geben. Das sehen die Verkäufer anders: Mein Lächeln und meine anfängliche interaktionale Beteiligung gelten überhaupt nicht als unverbindlich, sondern nur als notwendiges Präludium zu einem erfolgreichen Handel. Bei meiner Verabschiedung bricht das Lächeln der Verkäufer sofort zusammen, an seine Stelle tritt offener mimischer Zorn. Diese Fälle erlebe ich aber glücklicherweise nur in Hoi An, einer Stadt, in der die Händler von den wohlhabenden Touristen – berauscht von der Schönheit der Stadt – ziemlich verwöhnt werden und offensichtlich eine dementsprechende Erwartungshaltung entwickelt haben.

All die Ärgernisse werden jedoch mehr als aufgewogen von den besten Desserts, den schönsten Bergen, den buntesten Stadtparks, den charmantesten Studenten, den hilfsbereitesten Tierärzten, Hotelangestellten, Polizisten, den niedlichsten Kindern und dem allerbesten Kaffee. Das Kronjuwel Südostasiens eben!

'Vietnamese Drip Coffee' bei Trung Nguyen, einem der bekanntesten Kaffeehändler Vietnams. Vietnam baut den Kaffee selbst an. Er riecht und schmeckt nach Schokolade und wird meist sehr stark gebrüht.

‚Vietnamese Drip Coffee‘ bei Trung Nguyen, einem der bekanntesten Kaffeehändler Vietnams. Vietnam baut den Kaffee selbst an. Er riecht und schmeckt nach Schokolade und wird meist sehr stark gebrüht.