Vier Länder in zwei Monaten. Und was ich daraus gelernt habe, in 7 Punkten

Ständiges Unterwegssein und Erholung passen nicht zusammen. Entweder ständiger Input, Abenteuer und immer wieder Neues – oder abschalten, zur Ruhe kommen, innere Einkehr.

Für die bloße Lebensgrundlage zu sorgen – Essen, Trinkwasser, einen sicheren Schlafplatz, Bargeld, örtliche Orientierung – ist anstrengend. (Das ist uns oft nicht klar, während und solange wir uns in einer gesicherten Situation befinden: feste Wohnung, vertrautes Umfeld, Geld und der nächste Supermarkt um die Ecke! Liebe Leser/innen, denkt daran, wenn euch demnächst ein Obdachloser um einen Euro bittet…) Kommt noch die Ausarbeitung der weiteren Route, die Recherche und Buchung der nächsten Verkehrsmittel usw. hinzu, wird es zum Vollzeitjob. Pauschalreisen haben auch ihre Vorteile…!

Alles geht gut, solange es nicht alptraumhaft schief geht. Bestes Beispiel: Die erste Nacht in Luang Prabang, in der das Städtchen so ausgebucht war, dass ich mir ein Hotelzimmer (und ja, das Bett!) mit zwei unbekannten (männlichen!) Mitreisenden teilen musste. Natürlich habe ich mich zuerst geärgert, nicht im Vorhinein eine Unterkunft gebucht zu haben – später wurde mir aber klar, dass ich bei dem Versuch erkannt hätte, dass Luang Prabang während des Chinesischen Neujahrs ein ungünstiges Reiseziel ist. Dann hätte ich vielleicht darauf verzichtet – und mich einer ganzen Woche an einem der schönsten Orte in Laos beraubt.

Gute Schuhe, Sonnenschutzmittel und Bodylotion sollten aus Deutschland mitgebracht werden. Auf die Qualität südostasiatischer Produkte ist kein Verlass, und die Bestandteile wird man ohnehin nie eruieren können. In der dort verkäuflichen Bodylotion befindet sich grundsätzlich kosmetischer Aufheller (gefährliche Bleichmittel).

Die eigene Stimmung und Wahrnehmung bedingt alles. Die Schönheit der Landschaft, die Bedeutung kleiner Begebenheiten, die Bewertung der gesamten Unternehmung. Der Einfluss des eigenen Mindsets kann gar nicht überschätzt werden.

Steckdosenadapter sind unnötig. Ein Stückchen Seife in der Hosentasche ist unbedingt ratsam.

Letzten Endes hängt alles im Leben nur von einer einzigen Entscheidung ab: Das mache ich jetzt.

 

… und hier geht es zu den Fotos aus Thailand, Laos, Vietnam und Singapur!

Thailand, January 2014

„…in deine Schublade, da pass ich nicht hinein“

Zitat aus dem wunderbaren Song
„Mach den Deckel auf“
von Cat Balou

Gut, dass es sich herumzusprechen scheint, dass das biologische Geschlecht (‚Sex‘) und das soziokulturelle Geschlecht (‚Gender‘) nicht in eins fallen und nicht kongruieren müssen; dass Gender auch konstruiert und manchmal sogar frei gewählt wird; dass eine strikte Männlich-Weiblich-Dualität einige Menschen ausschließt, die nicht in diese Dualität hineinpassen, und gut, dass auch die ‚Mainstream-Medien‘ diese Themen aufgreifen. Schade aber, dass Dokumentationen wie „Gefangen im falschen Körper“ (13.03.2014 im ZDF) immer wieder ausgerechnet diejenigen portraitieren, die so sehr darum kämpfen, eben doch Klischees zu erfüllen – nur halt die des jeweils anderen biologischen Geschlechts.

Die Frau als Wille und Vorstellung, oft auch nur als geschminktes Modepüppchen

„Wir tragen lange Haare, schminken uns, machen eben alles, was Frauen so machen“, sagt die New Yorker Transsexuelle Simone. Ach ja, machen Frauen das „eben alles so“? Ich denke an Frauen mit kurzen Haaren, an die, die sich nie schminken, an die, die sich – wage ich es auszusprechen? – nicht einmal die Beine rasieren und frage mich: Sind das dann unechte Frauen, oder überhaupt keine? Muss ich optisch das uralte Klischee der mit Make-up und hübschem Kleid zurechtgemachten Frau erfüllen, um das Recht zu haben, als Frau wahrgenommen und behandelt zu werden?

Simone arbeitet als Modedesignerin. Sie erfüllt also nicht nur optisch, sondern auch von ihren beruflichen Interessen her ein Klischee. Mich ärgert das – ist das alles, was Simone und dem ZDF zum Thema Frausein einfällt? Eine Frau zu sein bedeutet doch nicht – oder zumindest viel mehr als – sich für Mode zu interessieren, auf die eigene Figur zu achten, die Schuhe auf die Farbe der Bluse abzustimmen und sich die Augenbrauen zu zupfen. Es bedeutet auch nicht – oder zumindest viel mehr als – eine bestimmte Stimmlage, eine spezifische Art zu gestikulieren, bei Gehaltsverhandlungen bissiger sein zu müssen oder ein Kind austragen zu können. Ein Mann zu sein bedeutet ja auch nicht – oder zumindest viel mehr als – 10 Flaschen Bier zu vertragen, sich zu prügeln, den Hemdkragen hochzustellen und gut in Mathe zu sein.

Nur, was eigentlich? Was macht eine richtige Frau und einen richtigen Mann – oder meinetwegen das echt Weibliche und das echt Männliche – aus? Und was davon lässt sich überhaupt überindividuell bestimmen? Kann das Recht, männlich und weiblich zu definieren, ein gesellschaftliches sein und das Recht, sich selbst als männlich und weiblich zu definieren, ein individuelles? Oder genauer: Kann es funktionieren, einen Kriterienkatalog zu entwerfen, der zur behördlichen Personenstandsbestimmung und auch sonst in Institutionen etc. herangezogen wird, in anderen Dimensionen – zum Beispiel im Privatleben – jedoch jederzeit für ungültig erklärt werden kann? Ich bezweifle das. Aber was könnte die Lösung gegen reflexhafte Ablehnung und verächtliches Augenrollen sein?

Was wirklich schwer ist: die klassische Dualität auch mal freundlich zu ignorieren

In der Dokumentation wird auch die transsexuelle Cy vorgestellt, Mithinhaberin von Simones Modelabel, und die transsexuelle Nina, Visagistin und Model. Diese Frauen – ganz gleich, ob sie biologisch als Jungen geboren wurden – zementieren doch gerade die alten Klischeebilder von Weiblichkeit, statt für eine Auflösung der Rosa-Blau-Dualität und ein Mehr an denkbarer Gendergestaltung zu sorgen.

Gerade deswegen: Ist nicht die eigentliche Herausforderung, die Genderklischees überhaupt aufzugeben? Und genau denjenigen Menschen unbefangen zu begegnen, die keine Genderklischees bedienen möchten? Und denen, die gern dem biologisch anderen Geschlecht angehören möchten, ohne die Genderklischees dieses Geschlechts zu bedienen. Und denen, die – Gott bewahre – physisch gar nicht die vollständigen Merkmale eines der beiden Geschlechter besitzen, z. B. nach einer unvollständigen Geschlechtsangleichung. (Viele Männer mit dem Wunsch, biologisch eine Frau zu sein, unterziehen sich einer Mastektomie und einer Hysterektomie, aber nicht dem komplizierten, risikoreichen, langwierigen und teuren Penisaufbau.) Und mit der Bereitschaft, allen Menschen unbefangen zu begegnen, meine ich keine krampfige Political Correctness, sondern eine persönliche Werthaltung.

Und überhaupt, gibt es nicht viel entscheidendere Eigenschaften? Ganz oben auf meiner persönlichen Liste stehen Anstand, Aufrichtigkeit, Zugänglichkeit, ein warmes Herz, ein kluger Kopf. Diese Eigenschaften kann jede(r) in jedem Moment an den Tag legen, oder auch nicht. Und deshalb treffen sie doch eine viel wichtigere Aussage über die Persönlichkeit eines Menschen als die Sex- oder Genderzugehörigkeit, die sexuelle Orientierung oder die Frisur.

Reisetipp EXTRA: Zugfahren in Vietnam

Für meine treuen Leser und Leserinnen hier eine ausführliche, stressvermindernde Anleitung:

Gehe nicht zum Gleis. Es gibt ohnehin nur eine Tür, die den Warteraum mit den Gleisen verbindet, und diese wirst du nicht zu identifizieren imstande sein. Sie ist übrigens sowieso die meiste Zeit verschlossen. Warte stattdessen im Wartesaal.

Der Zug wird rund eine Viertelstunde bis anderthalb Stunden Verspätung haben. Nein, dazu gibt es keine Durchsagen oder Informationen. Übe dich in Geduld.

Wenn dein Zug ausgerufen wird – für dich als nicht Vietnamesisch sprechender  Ausländer: wenn alle anderen aufstehen – bewege dich mit der Menschenmenge zur magischen Tür. Dort steht ein Bahnangestellter, dem du deine Fahrkarte zeigst, ganz wie im Theater.

Der Gleisbereich ist ein großer Platz mit mehreren, nun ja, Gleisen. Es gibt keine Plattformen. Der Gleisbereich ist ungesichert. Folge allen anderen Passagieren zu den richtigen Gleisen – es kommt ohnehin nur ein Zug zur gleichen Zeit an.

Wenn es in deinem (vermutlich völlig überfüllten) Waggon riecht, als hätte jemand eine schmutzige Babywindel unter einen Sitz gestopft und dort vergessen, dann trifft das a) wahrscheinlich zu und muss b) sorgfältig ignoriert werden. Bedenke, du hast keine Wahl.

Solltest du den Sitz neben einer älteren, verhärmt aussehenden Vietnamesin mit ihrer rund vierjährigen Enkelin gebucht haben, werdet ihr euch die beiden Sitze zu dritt teilen müssen. Ja, das geht. Vorausgesetzt, du ignorierst, dass die Enkelin dir Reis ins Haar schnippst und sich beim Hochstemmen arglos auf deinem Busen abstützt.

Zwischendurch kommen die Bahnangestellten mit den Essenswägelchen vorbei. Es gibt richtige, warme Speisen! Nun ja, warm ist sicherlich übertrieben, weil das Fleisch, Gemüse etc. schon seit einigen Stunden offen in den Plastikkisten aus dem Baumarkt im Zug umherkutschiert wird. Es wird auch schon das ein oder andere Haar oder Bonbonpapier hineingeweht sein. Bist du sehr hungrig, gilt auch hier: sorgfältig ignorieren und eine Portion bestellen.

Die Zugtoiletten sind Löcher im Boden, und bei Toilettenpapier und Seife heißt es „byo“, die verschämte Abkürzung für „bring your own“ („selbst mitbringen“). Mit etwas Glück gibt es fließendes Wasser zum Händewaschen.

Irgendwann wird dir der Gedanke kommen, dass deine Station nun langsam ansteht. Halte keine Ausschau nach Schildern! Warte nicht auf eine englische Durchsage! Frage am besten europäisch aussehende Mitreisende, so du welche findest, denn die werden im selben Touristenort aussteigen wollen wie du, und mehrere desorientierte Touristen liegen hoffentlich eher richtig als einer allein. Viel Glück, und gute Fahrt!