Ewiges Leben und die Macht über das Universum: „Tod einer Scientologin“

Im März 2006 wird die Leiche von Walburga „Biggi“ Reichert in einer Hamburger Tiefgarage gefunden. Das Ende einer langen Geschichte, die mit ihrem Beitritt zur Scientology-Sekte schon zu Studienzeiten begonnen hatte. Woher ihre zahlreichen Kopfwunden kommen, die wie Verbrennungen aussehen, ist unklar. Ihr Tod wird – nicht zuletzt, weil sie einen Abschiedsbrief an ihre Eltern hinterlassen hat – als Selbstmord behandelt.

Biggis Leben (ein Vollzeitjob, eine Nebentätigkeit, obendrauf 40 Stunden wöchentliches „freiwilliges“ Engagement für die Sekte, während sie immer mehr abmagert) wäre auch ohne dieses furchtbare Ende erschreckend gewesen. Wie kann eine intelligente junge Natur(!)wissenschaftlerin Gaukeleien von Kontrolle über Zeit und Raum, einem Leben unabhängig von jeder Materie, Gedankenlesen, Wiedergeburten und Außerirdischen aufsitzen?

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Dass so viele Menschen auf naturaliter uneinlösbare Versprechen hereinfallen – Versprechen von absoluter Zweifelsfreiheit, unbezwingbarer Sicherheit, und natürlich von Macht und Erfüllung – besitzt eine besondere Tragik; zeigt auch, wie virulent spirituelle Fragen und Krisen sind; erstaunt mich jedoch jedes Mal bis zur Sprachlosigkeit. Wir wissen doch, oder sollten es wissen, oder sollten an einem (möglichst frühen) Punkt unseres Erwachsenenlebens so ehrlich sein, es uns einzugestehen – dass jedes Leben aus einer langen Reihe grundsätzlich fehleranfälliger Vermutungen, Überzeugungen und Entscheidungen besteht und dass die meisten sich erst im Nachhinein als gut oder schlecht, fruchtbar oder destruktiv, gelungen oder misslungen herausstellen; und dass es keine absolute Klarheit und Gewissheit geben kann, und dass wir alle ständig auf der Suche sind.

Unabhängigkeit und Entscheidungskompetenz hier abgeben, bitte

Und seien wir ehrlich: Auch das Eintreten in tradierte (christliche, buddhistische, …) Klöster ist mit einer kompromisslosen Unterordnung verbunden. Die ich gerade nicht besonders mutig finde. Denn durch das Sich-Einfügen in eine fixe, unverhandelbar vorgegebene Struktur und die Abgabe eines großen Teils seiner Entscheidungsfreiheit macht man sich das Leben ja gerade leicht. Welche(n) Partner(in) man wählt, ob man Kinder hat und wie viele, wo man lebt und wie und mit wem, welchen Beruf man ausübt, wie man seine Freizeit verbringt: Diese Fragen stellen sich gar nicht. (Wie Bruder Julius, 2009 Novize in St. Ottilien, sagte: „Die letztendliche Enscheidung trifft der Vater Erzabt für mich.“ Das nenne ich bequem!)

Mutig und bewundernswert finde ich diejenigen, die ununterbrochen mit den Herausforderungen des „normalen“ Lebens konfrontiert sind und sie jeden Tag annehmen, ohne mit der Wimper zu zucken. Die Entscheidungen treffen, Risiken eingehen, Neues beginnen oder einfach weitermachen. Obwohl so viel schief gehen kann. Und wird. Sich dennoch nicht beirren zu lassen, zeugt, wie ich finde, von wahrer Kraft.

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2 Kommentare zu “Ewiges Leben und die Macht über das Universum: „Tod einer Scientologin“

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