„…in deine Schublade, da pass ich nicht hinein“

Zitat aus dem wunderbaren Song
„Mach den Deckel auf“
von Cat Balou

Gut, dass es sich herumzusprechen scheint, dass das biologische Geschlecht (‚Sex‘) und das soziokulturelle Geschlecht (‚Gender‘) nicht in eins fallen und nicht kongruieren müssen; dass Gender auch konstruiert und manchmal sogar frei gewählt wird; dass eine strikte Männlich-Weiblich-Dualität einige Menschen ausschließt, die nicht in diese Dualität hineinpassen, und gut, dass auch die ‚Mainstream-Medien‘ diese Themen aufgreifen. Schade aber, dass Dokumentationen wie „Gefangen im falschen Körper“ (13.03.2014 im ZDF) immer wieder ausgerechnet diejenigen portraitieren, die so sehr darum kämpfen, eben doch Klischees zu erfüllen – nur halt die des jeweils anderen biologischen Geschlechts.

Die Frau als Wille und Vorstellung, oft auch nur als geschminktes Modepüppchen

„Wir tragen lange Haare, schminken uns, machen eben alles, was Frauen so machen“, sagt die New Yorker Transsexuelle Simone. Ach ja, machen Frauen das „eben alles so“? Ich denke an Frauen mit kurzen Haaren, an die, die sich nie schminken, an die, die sich – wage ich es auszusprechen? – nicht einmal die Beine rasieren und frage mich: Sind das dann unechte Frauen, oder überhaupt keine? Muss ich optisch das uralte Klischee der mit Make-up und hübschem Kleid zurechtgemachten Frau erfüllen, um das Recht zu haben, als Frau wahrgenommen und behandelt zu werden?

Simone arbeitet als Modedesignerin. Sie erfüllt also nicht nur optisch, sondern auch von ihren beruflichen Interessen her ein Klischee. Mich ärgert das – ist das alles, was Simone und dem ZDF zum Thema Frausein einfällt? Eine Frau zu sein bedeutet doch nicht – oder zumindest viel mehr als – sich für Mode zu interessieren, auf die eigene Figur zu achten, die Schuhe auf die Farbe der Bluse abzustimmen und sich die Augenbrauen zu zupfen. Es bedeutet auch nicht – oder zumindest viel mehr als – eine bestimmte Stimmlage, eine spezifische Art zu gestikulieren, bei Gehaltsverhandlungen bissiger sein zu müssen oder ein Kind austragen zu können. Ein Mann zu sein bedeutet ja auch nicht – oder zumindest viel mehr als – 10 Flaschen Bier zu vertragen, sich zu prügeln, den Hemdkragen hochzustellen und gut in Mathe zu sein.

Nur, was eigentlich? Was macht eine richtige Frau und einen richtigen Mann – oder meinetwegen das echt Weibliche und das echt Männliche – aus? Und was davon lässt sich überhaupt überindividuell bestimmen? Kann das Recht, männlich und weiblich zu definieren, ein gesellschaftliches sein und das Recht, sich selbst als männlich und weiblich zu definieren, ein individuelles? Oder genauer: Kann es funktionieren, einen Kriterienkatalog zu entwerfen, der zur behördlichen Personenstandsbestimmung und auch sonst in Institutionen etc. herangezogen wird, in anderen Dimensionen – zum Beispiel im Privatleben – jedoch jederzeit für ungültig erklärt werden kann? Ich bezweifle das. Aber was könnte die Lösung gegen reflexhafte Ablehnung und verächtliches Augenrollen sein?

Was wirklich schwer ist: die klassische Dualität auch mal freundlich zu ignorieren

In der Dokumentation wird auch die transsexuelle Cy vorgestellt, Mithinhaberin von Simones Modelabel, und die transsexuelle Nina, Visagistin und Model. Diese Frauen – ganz gleich, ob sie biologisch als Jungen geboren wurden – zementieren doch gerade die alten Klischeebilder von Weiblichkeit, statt für eine Auflösung der Rosa-Blau-Dualität und ein Mehr an denkbarer Gendergestaltung zu sorgen.

Gerade deswegen: Ist nicht die eigentliche Herausforderung, die Genderklischees überhaupt aufzugeben? Und genau denjenigen Menschen unbefangen zu begegnen, die keine Genderklischees bedienen möchten? Und denen, die gern dem biologisch anderen Geschlecht angehören möchten, ohne die Genderklischees dieses Geschlechts zu bedienen. Und denen, die – Gott bewahre – physisch gar nicht die vollständigen Merkmale eines der beiden Geschlechter besitzen, z. B. nach einer unvollständigen Geschlechtsangleichung. (Viele Männer mit dem Wunsch, biologisch eine Frau zu sein, unterziehen sich einer Mastektomie und einer Hysterektomie, aber nicht dem komplizierten, risikoreichen, langwierigen und teuren Penisaufbau.) Und mit der Bereitschaft, allen Menschen unbefangen zu begegnen, meine ich keine krampfige Political Correctness, sondern eine persönliche Werthaltung.

Und überhaupt, gibt es nicht viel entscheidendere Eigenschaften? Ganz oben auf meiner persönlichen Liste stehen Anstand, Aufrichtigkeit, Zugänglichkeit, ein warmes Herz, ein kluger Kopf. Diese Eigenschaften kann jede(r) in jedem Moment an den Tag legen, oder auch nicht. Und deshalb treffen sie doch eine viel wichtigere Aussage über die Persönlichkeit eines Menschen als die Sex- oder Genderzugehörigkeit, die sexuelle Orientierung oder die Frisur.

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2 Kommentare zu “„…in deine Schublade, da pass ich nicht hinein“

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