Reisetipp EXTRA: Zugfahren in Vietnam

Für meine treuen Leser und Leserinnen hier eine ausführliche, stressvermindernde Anleitung:

Gehe nicht zum Gleis. Es gibt ohnehin nur eine Tür, die den Warteraum mit den Gleisen verbindet, und diese wirst du nicht zu identifizieren imstande sein. Sie ist übrigens sowieso die meiste Zeit verschlossen. Warte stattdessen im Wartesaal.

Der Zug wird rund eine Viertelstunde bis anderthalb Stunden Verspätung haben. Nein, dazu gibt es keine Durchsagen oder Informationen. Übe dich in Geduld.

Wenn dein Zug ausgerufen wird – für dich als nicht Vietnamesisch sprechender  Ausländer: wenn alle anderen aufstehen – bewege dich mit der Menschenmenge zur magischen Tür. Dort steht ein Bahnangestellter, dem du deine Fahrkarte zeigst, ganz wie im Theater.

Der Gleisbereich ist ein großer Platz mit mehreren, nun ja, Gleisen. Es gibt keine Plattformen. Der Gleisbereich ist ungesichert. Folge allen anderen Passagieren zu den richtigen Gleisen – es kommt ohnehin nur ein Zug zur gleichen Zeit an.

Wenn es in deinem (vermutlich völlig überfüllten) Waggon riecht, als hätte jemand eine schmutzige Babywindel unter einen Sitz gestopft und dort vergessen, dann trifft das a) wahrscheinlich zu und muss b) sorgfältig ignoriert werden. Bedenke, du hast keine Wahl.

Solltest du den Sitz neben einer älteren, verhärmt aussehenden Vietnamesin mit ihrer rund vierjährigen Enkelin gebucht haben, werdet ihr euch die beiden Sitze zu dritt teilen müssen. Ja, das geht. Vorausgesetzt, du ignorierst, dass die Enkelin dir Reis ins Haar schnippst und sich beim Hochstemmen arglos auf deinem Busen abstützt.

Zwischendurch kommen die Bahnangestellten mit den Essenswägelchen vorbei. Es gibt richtige, warme Speisen! Nun ja, warm ist sicherlich übertrieben, weil das Fleisch, Gemüse etc. schon seit einigen Stunden offen in den Plastikkisten aus dem Baumarkt im Zug umherkutschiert wird. Es wird auch schon das ein oder andere Haar oder Bonbonpapier hineingeweht sein. Bist du sehr hungrig, gilt auch hier: sorgfältig ignorieren und eine Portion bestellen.

Die Zugtoiletten sind Löcher im Boden, und bei Toilettenpapier und Seife heißt es „byo“, die verschämte Abkürzung für „bring your own“ („selbst mitbringen“). Mit etwas Glück gibt es fließendes Wasser zum Händewaschen.

Irgendwann wird dir der Gedanke kommen, dass deine Station nun langsam ansteht. Halte keine Ausschau nach Schildern! Warte nicht auf eine englische Durchsage! Frage am besten europäisch aussehende Mitreisende, so du welche findest, denn die werden im selben Touristenort aussteigen wollen wie du, und mehrere desorientierte Touristen liegen hoffentlich eher richtig als einer allein. Viel Glück, und gute Fahrt!

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